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 Mittwoch, 22. Feber 2012 @ 22:24

Schwanz ab!

   

Feminismus
Kommentar am Rande der Diskussion ums Anti-Man(n)ifest
Auf indymedia.at wurde ein "Anti-Man(n)ifest" veröffentlicht, das wiedermal eindringlich an eine immer notwendige und gleichzeitig immer vernachlässigte (Selbst-)reflexion in linken Gruppen und Organisationen erinnert.

Viel zu oft wird Feminismus und der Kampf gegen sexistische Diskriminierung in einem Grundsatzkatalog abgehandelt, spiegelt sich aber nicht in der alltäglichen Politikformulierung und in der tatsächlichen politischen Praxis, im miteinander Tun wieder. Und viel zu oft sind es wieder die Frauen*, die diese Grundsätze einfordern oder sogar rechtfertigen müssen.



Ich möchte mich aber auf ein scheinbares Detail in der Diskussion unter dem "Anti-Man(n)ifest" beziehen.
EinE user*in beschwert sich hier über den Slogan
    ""schwanz ab!" (wer oder was auch immer soetwas an häuswände sprayt - oder auf die unisex toilette im cafe rosa - körperverstümmelung ist so ungefähr das kränkeste, was ich mir als feministische politik vorstellen kann!)"

(Ich finde der Kommentar ist so ungefähr das Lustigste.)

"Schwanz ab" wird glaub ich oft als Bedrohung gesehen. Ist es ja auch - steht es doch als Metapher für ein Abschneiden von Privilegien und Macht bei der Bekämpfung des Patriarchats, der Herrschaft hegemonialen Männlichkeiten. "Schwanz ab" steht für ein Aufbrechen der Geschlechterverhältnisse. Ganz egal ob ich in Analyse und/oder Perspektive die herrschende Geschlechterdichotomie und biologische Zweigeschlechtlichkeit übernehme oder ablehne. "Schwanz ab" steht für einen Kampf gegen das Patriarchat und Frauen*unterdrückung. Und damit gegen jegliche Unterdrückung, denn der Feminismus ist eine Idee zur Befreiung aller Menschen und nicht nur der Frauen*.

Wenn ich an die Anfänge meiner Politisierung erinnere, fällt mir eine Szene ein, ich glaube es war Abend: nach ein paar Bacardi Breezers am Spielplatz zog ich mit Freund*innen "Schwanz ab, Schwanz ab, nieder mit der Männlichkeit" rufend durch die leeren Straßen der Vorstadt. Das war ein leicht abgewandelter Refrain des recht doofen und antifeministischen gleichnamigen Ärzte-lieds. Die Provokation und Sprengkraft die von dem Slogan ausging hat nicht nur meine weiblich sozialisierten Freund*innen fasziniert.
Doch für Männer* scheint es immer noch eine größere Überwindung eines Unwohlseins zu bedeuten, diesen Slogan zu verwenden. Kastrationsangst kann aber überwunden werden. "Schwanz ab!" war auch ein Stickerslogan der Jungen Linken Oberösterreich, wo meine Politisierung dann fortschritt. "Stirb, Zuchtbulle, stirb" ist ein Songtitel der legendären Linzer Punkband "Strahler 80" und prangert an: „Mann* zeigt die ganze Härte, lasst die Muskeln spieln, hat kaum Gefühl, gewinnt mit Arroganz“ und vorallem, dass er damit durchkommt und fragt am Ende: „was tätest du ohne deinen Schwanz?“ (http://www.servus.at/kapu/strahler/music/default.htm)

Oft ist es einfacher, abstrakt "gegen das Patriarchat" zu sein, als sich selbst kritisch zu befragen.
Ich will damit sagen, dass niemand vor verinnerlichten Stereotypen von kastrierenden Flintenweibern und schwanzabschneidenden Emanzen gefeit ist. Um dagegen ankämpfen zu können müssen wir sie aber erst erkennen und uns damit auseinandersetzen.
Zur Veränderung der Gesellschaft werden wir nicht umhin kommen, uns selbst zu erkennen und auch unsere Vorurteile, Sexismen, Rassismen, Stereotype und Rollenbilder und uns selbst verändern.

Selten werden Slogans so sehr auf die Waagschale gelegt und missverstanden wie im Zusammenhang mit feministischen und antisexistischen Forderungen.
Das kurzsichtige, eigentlich fast lustige reflexartige Abwehren des Slogans "Schwanz ab!" erinnert mich auch an die Argumente der jungen Vaust-Frauen [VSStÖ, Anm. Red.] im besetzen FrauenLesbenInterTrans-Raum im Rahmen der #unibrennt- Bewegung 2009.
Der alte Slogan, "Frauen, hört ihr Frauen schrei'n, sagt nein, greift ein, haut den Typen eine rein" erschien einigen als "zu aggressiv". Ich denke, dass in feministischen Slogans berechtigte Radikalität in der Sprache und notwendiger Aufruf zu Selbstverteidigung, Gegenwehr und Empowerment zum Ausdruck gebracht werden soll. Und das nicht nur von Frauen*.

In diesem Sinne:
Ich möchte die Reetablierung eines alten aber nie in der Linken konsensfähig gewordenen Slogans propagieren: "Schwanz ab" kann ein Slogan für alle werden, alle die Geschlechter-Stereotype, eigene Vorurteile, Unterdrückung, Zweigeschlechtlichkeit, Diskriminierung und Patriarchat bekämpfen wollen.

Barbara Steiner




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