Selektion - Same shit-different country

Dienstag, 12. Mai 2009 @ 01:52

Der Trend hin zur Ökonomisierung der Wissenschaft und Lehre und deren Transformation in Quasi- Unternhemen fördert die soziale Selektion.
Das österreichische Universitätssystem ist, wie viele StudentInnen hier jedes Jahr selbst erleben, nicht für jedefrau und jedermann gleichermaßen zugänglich. Im Gegenteil: Zugangsbeschränkungen in Form von Studienplatzmangel und Gebühren an den Hochschulen sind traurige Realität.
Und dennoch gibt es die „Numerus Clausus - Flüchtlinge“ aus Deutschland an österreichischen Unis. Ein Bericht über die Situation Studierender in der BRD.

Selektion als Grundlage des deutschen Schulsystems
Das Nichtvorhandensein eines einheitlichen Abiturs in den deutschen Bundesländern führt zu ungleichen Bildungsniveaus und somit zu Chancenungleichheit.
Zusätzlich spielt die soziale Auslese eine sehr wichtige Rolle im deutschen Bildungssystem. Die relative Wahrscheinlichkeit eines Gymnasialbesuchs für ein AkademikerInnenkind ist in Deutschland fast siebenmal so hoch wie jene eines FacharbeiterInnenkindes. Diese Chancenungleichheit setzt sich dann auch im Studium fort: Vier von fünf Kindern aus AkademikerInnenfamilien nehmen selbst ein Studium auf, während hingegen lediglich weniger als 20% der ArbeiterInnenkinder eine Hochschule besuchen.
Doch damit nicht genug: Hat der/die SchülerIn erst einmal das Abitur in der Hand, wartet schon die Uni mit schmackhaften Zugangsbeschränkungen auf sie. Der Numerus Clausus, ein Durchschnitt der Abiturnoten, hindert AbiturientInnen mit einer niedrigen Abitur-Durchschnittsnote daran, ihr gewünschtes Studium aufzunehmen. Dabei spielt auch keine Rolle, ob der-/diejenige Kompetenzen für und Interesse am gewünschten Studienfach zeigt. Längst betrifft dieses Phänomen nicht nur „elitäre“ Studiengänge wie Jura oder Medizin, sondern, wie beispielsweise in Berlin, auch Politikwissenschaften. Die Folgen sind Frust, lange Wartesemester oder oft auch Flucht ins NC- freie Ausland.
Mittlerweile geht der Trend aber vor allem dahin, dass die Unis selbst ihre StudentInnen auswählen. Dies geschieht durch Bewerbungen, Aufnahmeprüfungen und Auswahlgespräche. Diese Entwicklung ist dem neoliberalen Ideal einer Uni als Dienstleisterin für die Wirtschaft, als Beschafferin von "qualifizierter menschlicher Verfügungsmasse", geschuldet. Dies bedeutet Aussortierung und Elitenbildung.
Hat mensch es dann doch geschafft, an einer deutschen Universität studieren zu dürfen, kommen in den meisten Bundesländern der BRD die Studiengebühren hinzu. Sie betragen an manchen Unis real (also inklusive StudentInnenwerksbeitrag und „Verwaltungskosten“) mehr als 600 Euro pro Semester. Dazu kommen natürlich noch die Lebenserhaltungskosten, denn auch einE StudentIn will Essen, ein Dach überm Kopf und Spaß haben.
Zwar gibt es in ganz Deutschland das Pendant zur österreichischen Familienbeihilfe, das „BaföG“. Das Kürzel ist eigentlich eine Bezeichnung für ein, 1970, in der Ära Willy Brandt, erlassenes Gesetz, welches Studierenden erlaubt, finanzielle Beihilfen für das Hochschulstudium zu beantragen. Doch die konservative Kohl- Regierung änderte das Gesetz in den 80ern dahingehend, dass die StudentInnen das Geld aus dem BAföG nur noch zur Hälfte darlehensfrei erhalten; die andere Hälfte muss nach Beenden des Studiums an den Staat zurückgezahlt werden. So kommt es also, dass trotz BAföG viele StudentInnen aus ärmeren Schichten sich ein Studium schlichtweg finanziell nicht leisten können und Bildung wieder zum Privileg der bürgerlichen Oberschicht wird.

Same shit- different country
Und jetzt die Preisfrage: Woher kommt uns das alles bekannt vor? Richtig! In Österreich wird ebenso munter aussortiert, Eliten gebildet und Bildung zur Ware gemacht (darüber täuschen uns auch halbwegs abgeschaffte Studiengebühren nicht weg)! Und wir StudentInnen, die Leidtragende einer derartigen Bildungspolitik sind, dürfen uns daher nichts vormachen lassen und sollten stattdessen das tun, was mensch immer machen sollte, wenn die Herrschenden wie immer schlechte Politik betreiben: Aktiv Widerstand leisten!

Jürgen Zehring

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