Am Samstag, den 28. Februar um 14:00 wird auf dem Ballhausplatz in Wien
eine Demo für ein generelles Gentechnik-Verbot stattfinden. Hintergrund
ist eine EU-Abstimmung am 2.März über die Zulassung von 2 genveränderten
Maissorten in Österreich. Aufgerufen wird von der Initiative
Gentechnik-Verbot und von einer bisher unbekannten Gruppe- die Bioniere
Österreich.
Gegen Gentechnik oder gegen die EU?
Doch hinter den Bionieren verstecken sich altbekannte Namen. Es ist ein
Zusammenschluss von "Rettet Österreich!", der Gruppe NFÖ(Neutrales,
Freies Österreich) sowie der Umweltorganisation "Bruder Baum". Zu den
Erstunterstützern zählen Peter Weish und Anton Moser, beide waren
Sprecher bei den Anti-EU.Demos. Die FPÖ ruft zur Unterstützung der
Großdemo auf. Auch die "Krone" unterstützt die Demo wieder. Letzten
Sontag war nicht nur ein ganzseitiger Demoaufruf abgedruckt, auch die
Schlagzeile auf dem Titelbild stellte einen Bezug zur Demo da: "EU tritt
unser Recht mit Füßen". Als Kuriosum kann gelten, dass selbst der
Fleisch- und Wursthersteller Schirnhofer zu dieser vermeintlicher
Öko-Demo aufruft. Schon in der zweiten Zeile des Aufrufes wird als
Feindbild die EU-Kommission beschworen. Somit entsteht der Eindruck,
dass Gentechnik nur ein Vorwand ist, und dies eine weitere Anti-EU-Demo
ist.
Nationalkonservative im Aufwind
Seit geraumer Zeit lässt sich in Wien das Phänomen beobachten, dass
Menschen, die vor wenigen Jahren noch tendenziell auf
"Berufsdemonstranten" geschimpft haben, nun selber auf die Strasse
gehen. Bei diesen Demos beteiligten sich zwischen 700
(Anti-Moschee-Demo) und 7000(Anti-EU-Demo) Menschen und gehören somit zu
den größten Demos der letzten 2 Jahre. Ein Indiz dafür, dass die
Unzufriedenheit mit den Parteipolitik generell, und mit der Regierung im
speziellen, gestiegen ist. Bestätigung dafür liefert auch die letzte
Wahl, wo die Wahlbeteiligung stark gesunken ist, und rechte
"Protestparteien"gewonnen haben. "Rettet Österreich" trat auch zur Wahl
an, und erreichte 35 718 Stimmen, nur etwas weniger als die KPÖ.
Ein starkes Österreich
Alle diese Gruppen haben -trotz der Opposition zur Regierung- ein sehr
positive Einstellung zum Nationalstaat. Sowohl bei der NFÖ-Wien als auch
auf der boniere-Homepage findet sich die Nationalhymne, die Bioniere
bringen auch Figls "Österreich ist frei"-Rede. Rettet Österreich erlärt
ihren Namen so: "Der Staat Österreich - der seine Bürger schützen soll –
läuft Gefahr, jetzt sein Recht auf Selbstbestimmung (Anm.: durch den
EU-Vertrag) zu verlieren." Hier wird die nationalistische
Argumentationsweise deutlich: Wichtig ist nicht das
Selbstbestimmungsrecht der Menschen , sondern eines abstrakten Staates.
Die deutsche Sprache
Der Demo-Aufruf sowie die meisten Texte der Gruppen vermeiden
Anglizismen sowie kompliziierterer Fremdwörter. Stattdessen wird auf
eine bildhafte Sprache: "Die Gentechnik breitet sich, ähnlich einer
Seuche, überallhin aus." Jetzt aufstehen (...) für unserer sauberen
Äcker."(als wären sie jetzt frei von Düngemittel und Pestiziden). Durch
Dramatisierungen ("zwingen", "totale Abhängigkeit", "droht große
Gefahr", "Teufelszeug") wird die Wichtigkeit nochmal hervorgehoben, und
ein "Endkampfszenario" beschworen. Neben dem Feindbild EU wird das
Feindbild des Konzerns- in diesem Fall des Agrar-Konzern beschworen:"Die
Agrar-Konzerne, die unsere Felder verseuchen und unsere Bauern damit
versklaven wollen,...(Ist Schirnhofer kein Agrarkonzern?)
Volksbefragung & direkte Demokratie
Wie schon bei den Anti-Eu-Demos wird wieder eine Volksbefragung
gefordert. Damit soll mehr "direkte Demokratie" bewiesen werden. Dies
ist nichts Neues. Seit Haiders AUfstieg fordert die FPÖ zu vielen Themen
Volksbefragungen und nennt dies "direkte Demokratie". Dieses Modell ist
jedoch durchwegs zu hinterfragen: Erstens gibt es den Menschen nur die
Möglichkeit, öfters abzustimmen. Die Möglichkeit der Mitgestaltung, der
Mitbestimmung der eigenen Lebenswelt ist darin nur marginal vorgesehen.
Außerdem erinnert es sehr an Darwins Evolutionstheorie: Der Stärkere
(die Mehrheit) setzt sich durch, der Schwächerer (die Minderheit) hat
eben Pech gehabt. Minderheitenrechte sowie menschenrechtliche
Mindeststandards sind so in Gefahr. AUf ein ähnliches
Demokratieverständnis beruht wohl LH Dörfler Aussage, den Schutz der
Kärntner Bevölkerung vor die Menschenrechte zu stellen.
Offen für Nazis & andere Verrückte
Dass es bei einem solchen politischen Verständnis immer wieder zu
Berührungen mit Nazis kommt, ist kein Wunder. SO war Robert Faller,
Lachnummer der Neonazi-Szene, Vorsitzender der oberösterreichischen
Landesgruppe der NFÖ. Im Zuge der Anti-EU-Demo kam es zu der grössten
Nazidemo der letzten Jahre. Für die Anti-Gentechnik-Kundgebung gibt es
noch keine Anzeichen für eine Teilnahme von dieser Seite. Dass rechte
Parteien hier auf Wählerfang gehen, und dabei gleichzeitig den
Nationalkonservativen eine größere Bühne -das Parlament und die Medien-
bieten, versteht sich fast von selbst.
Andere Verrückte, wie VerschörungsfanatikerInnen oder esoterische
Wunderheiler müssen gar nicht erst zu diesen Gruppierungen kommen-
Bioniere, NFÖ & Co. kommen zu ihnen: Karl Nowak, Vorsitzender der RETTÖ;
schrieb ein Buch namens "Der Krebsheiler-Report", auf praktisch allen
Websites finden sich Links zum Kopp-Verlag, der sich auf
Verschwörungstheorien spezialisiert hat.
Die Schwäche der "Linken"
Es ist auch für den Zustand der "Linken" bezeichnend, dass sich auf
einem klassisch linken Themengebiet-die Umweltfrage- national
konservative sowie diverse andere rechte Gruppierungen nahezu kritiklos
breitmachen können. Eine Linke, die auf gesellschaftliche Intervention
zugunsten eines Rückzugs in die "Szene" immer mehr verzichtet, die sich
nur noch auf einige wenige Themen konzentriert, und andere
Unterdrückungsmenchanismen ausblendet, kann den Rechten wahrscheinlich
wenig entgegensetzen.