Der rechte Rand...

Donnerstag, 29. November 2007 @ 23:30

...und alle anderen rechten Teile einer rechten Gesellschaft
Heribert Schiedels hervorragendes Buch über Rechtsextremismus, Neonazismus und Rechtspopulismus in Österreich.


„Radikal bin ich selber“, meinte Heribert Schiedel. Sein Buch „Der rechte Rand“ bekam zuerst vom geneigten Verleger und ehemaligen ÖVP- Nationalrat Steinbauer den Untertitel „Radikale Gesinnungen in unserer Gesellschaft“ verpasst. Dazu prangen Stahlkappenstiefel mit weißen Schuhbändern am Cover - als Symbol für die jugendliche Naziskin- Szene.

Durch Einteilung von links- und rechtsextremistischen bzw. „radikalen“ politischen Gruppen – ohne Unterscheidung derer Inhalte - auf der einen Seite und der liberaldemokratischen „Mitte“ auf der anderen ist der Blick auf die rechte Normalität in den Parteien der „Mitte“ verstellt.
Diesem Entlastungs- und Abwehrmechanismus der „Mitte“ der Gesellschaft folgt auch die Gestaltung des Bucheinbandes, der Schiedel auch nicht gerade Freude bereitet. Rechtsextremismus und Neonazismus werden als jugendliches „Randphänomen“, „Jugendtorheiten“ (Gusenbauer über Straches Wehrsportübungen) und auf jeden Fall als gesellschaftliche Ausnahme in Form von Naziskins hingestellt.

Schiedels zentrale These widerspricht der Buchhülle krass: Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus prägen viel mehr als nur den Rand der Gesellschaft und entspringen aus den gesellschaftlichen Verhältnissen. So muss Analyse, Ursachenforschung genauso wie die Bekämpfung von Rechtsextremismus und Neonazismus die Verhältnisse im Blick und deren mögliche Überwindung zur Perspektive haben.

So radikal, so gut. Brilliant und gründlich recherchiert breitet der Autor eine historisch- kritische Österreich- Karte der Völkischen, ihrer Aktivitäten und Verbindungen auf. Von NDP (Nationaldemokratische Partei) über VAPO (Volkstreue Außerparlamentarische Opposition) und BFJ (Bund Freier Jugend), zu den deutschnationalen akademischen Burschenschaften, FPÖ und wie die Organsiationen der „Angstbeißer und Spießer“ alle heißen.

Konrad Lorenz' Horrorvision, wie Naziflieger Nowotny und Hess doppelt geehrt werden, was Trauner RFJler am Stammtisch rülpsen, welche Lieder die Schmissfressen der „Olympia“ und die Glatzen des BFJ hören und unzählige andere interessante Fakten füllen eine spannende Seite nach der anderen.

Den runden Abschluss nach der theoretisch- analytischen Auseinandersetzung mit und detaillierten Beschreibung des rechten Feldes bilden die möglichen Strategien dagegen, die aufklärend und praktisch sind.

Dieses Buch ist ein zugleich differenzierter und kraftvoller Wurf in die Scheiben der autoritär- populistischen Auslagen und rechtskonservativen Hinterzimmer des postfaschistischen Österreichs.


Heribert Schiedel
Der rechte Rand. Extremistische Gesinnungen in unserer Gesellschaft.
Edition Steinbauer. Wien 2007.

Zum Autor: Heribert Schiedel, geboren 1967, Mitarbeiter im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW), Abteilung Rechtsextremismusforschung; Berichterstatter für das Stephen Roth Institute for the Study of Contemporary Anti-Semitism and Racism an der Universität Tel Aviv; Mitglied der Redaktion von Context XXI.

0 Kommentar(e)



http://votacomunista.at/news/article.php/2007112923303929