Studienreise zur Gedenkstätte des ehemaligen Ghettos und KZ Terezin/ Theresienstadt in Tschechien, 16. - 21. Februar 2007
Unsere Unterkunft war das Hotel „Labe“ in Litomerice/Leitmeritz, der Nachbarstadt von Terezin.
Der erste Tag in Terezin galt der „Spurensuche“ im ehemaligen Ghetto. Die Gedenkdiener („Freiwillige“ aus Deutschland und Österreich, die ihren Zivildienst hier machten) der Gedenkstätte teilten Mappen aus, in denen sich je ein Plan und Beschreibungen einiger besonderer Gebäude aus der Ghettozeit befanden. In Kleingruppen erkundeten wir also verschiedene Teile von Terezin. Die Gedenkdiener gaben eine Einführung über die Geschichte des Ghettos, das ursprünglich eine Habsburger- Festung, erbaut unter Josef II., Ende des 18. Jh. war. Sie brachten uns dann auch zum Jüdischen Friedhof, wo auch das Krematorium steht.
Aus dem Spaziergang von Litomerice in das 3km entfernte Terezin entwickelte sich am nächsten Tag ein von uns selbst gestalteter Rundgang durch das ehemalige Ghetto. In der ehemaligen Festung und dann Dorf für 600 EinwohnerInnen wurden ab 1941 bis zu 60 000 JüdInnen aus Tschechien, Deutschland, Österreich und anderen Ländern Europas gefangen gehalten. Das Ghetto wurde den Deportierten als Altenresidenz und idyllische „Stadt der Juden“ ohne die tägliche Verfolgung angepriesen. Dort angekommen mangelte es an allem: an Essen, Platz, Sanitäreinrichtungen, Medikamenten,... Zynischerweise wurde eine bestimmte Route durch das Ghetto 1944 herausgeputzt und mit einigen halbwegs gesund aussehenden Gefangenen ein Schauspiel für eine Delegation des Internationalen Roten Kreuzes inszeniert. Diese war daraufhin so überzeugt von der humanen Behandlung der JüdInnen durch die Nazis, dass sie von weiteren Besichtigungen, von Auschwitz etwa, abließ.
Es gibt, wie wir von den Gedenkdienern und der Zeitzeugin Doris Grozdanovica erfragten, große Spannungen im Verhältnis zwischen der Gedenkstätte und der offiziellen Stadt. Die Bürgermeister der letzten Jahren sehen die TouristInnenströme in der Gedenkstätte nicht wirtschaftsankurbelnd sondern eher störend. So muss die Gedenkstätte Gebäude, die sie als Museum herichten oder erhalten will, zuerst kaufen, wozu natürlich das Geld fehlt.
Auch am Samstag besuchten wir die Gedenkstätte des KZ gleich neben dem Ghetto, die sogenannte „Kleine Festung“ - diente Anfang des 20. Jh. als Gefängnis, 1940 wurde es ein „Polizeigefängnis“ der Gestapo, vorwiegend für politische Gefangene. Nach einer sehr emotionalisierenden Führung standen noch 2 Museen zur Besichtigung zur Auswahl.
In Litomerice entstand im Frühjahr 1944 eine Zweigstelle des KZ Flossenbürg (in Deutschland) – die Häftlinge mussten unterirdische Fabriken bauen, in denen sie dann Zwangsarbeit leisten mussten. Sonntags machten wir eine Wanderung auf den Berg „Radobyl“ bei Litomerice, zu den Eingängen von „Richard I“ und „Richard II“ - den Tarnnamen für die unterirdischen Rüstungsfabriken. Etwa 18 000 Häftlinge arbeiteten in diesem Lager, die meisten aus Polen, Jugoslawien und der Sowjetunion und JüdInnen aus vielen europäischen Ländern. Wegen der hohen Sterberate wure ein eigenes Krematorium gebaut.
Am Abend schauten wir im Hotel Spielfilme, die sich thematisch mit Krieg und dem Holocaust auseinandersetzen.
Am Montag besuchten wir die Denkmäler und das Museum Lidice/Liditz. Ein Dorf, welches 1942 von den Nazis als Racheakt für das Attentat auf SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich, Chef des Reichssicherheitshauptamts und stellvertretender Reichsprotektor für Böhmen und Mähren vollständig zerstört wurde. Alle sich im Dorf befindlichen Männer wurden erschossen, die Frauen und Kinder wurden in Konzentrationslager deportiert. Dieses Massaker hatte eine große Solidaritätswelle zur Folge, auf der ganzen Welt wurden Dörfer und Städte in „Lidice“ umbenannt und Spenden gesammelt.
Das Museum in der Gedenkstätte Terezin informierte über den Alltag im Ghetto und das trotz der so widrigen Umstände und wegen der vielen inhaftierten KünstlerInnen und Intellektuellen, blühende kulturelle Leben. Genauso wie ein Film, den wir uns anschauten. Auch lagen in der Gedenkstätte Mappen zum Selbststudium auf.
Frühstück nahmen wir immer im Hotel ein, Mittag- und Abendessen immer, außer Sonntag in der Gedenkstätte.
In der freien Zeit durchstreiften wir weiter das Museumsdorf Terezin, aufmerksam auf die vielen Gedenktafeln an die Ghettozeit und die viel schöneren Infotafeln über die Festung – für die FestungstouristInnen. Wir lernten auch einheimische Waffen- und Kriegsgefährt- Sammler kennen. Zum Aufwärmen setzten wir uns öfter in einem Dorfwirtshaus zusammen.
Wir führten eine Diskussion über Schreckenstourismus und „KZ's abklappern“. Von dem Besuch einer Gedenkstätte soll mehr als Emotionalisierung, Mitleid, Wut und Tränen mitgenommen werden. Vielmehr sollte ein Besuch in einer Gedenkstätte neben der Information über die Greuel des Nationalsozialismus auch die Fortsetzung des Faschismus und faschistischen Denkens in der Gegenwart, im Hier und Heute beleuchten. Der Rechtsextremismus und Neonazismus heute und auch der Alltagsfaschismus, Antisemitismus und Rassismus im Denken und im Staat sind längst nicht abgehakt, im Gegenteil wieder am Erstarken.
Ähnliche Gedanken fanden wir auch im Text von Theodor Adorno „Aufarbeitung der Vergangenheit“, den wir neben anderen Texten mitgenommen hatten, lasen und diskutierten, wieder. „Aufarbeitung“ heißt im Normalfall in Wirklichkeit Verdrängen, und Schuldabwehr, -umkehr.
Am Dienstag hatten wir ein Gespräch mit der Zeitzeugin Doris Grozdanovica. Frau Grozdanovica wurde als Mädchen mit ihrer Familie von ihrer Heimatstadt Brno/Brünn nach Terezin deportiert. Sie und ihr Bruder überlebten auch das Vernichtungslager Auschwitz, in welches sie dann deportiert wurden. Das Gespräch war sehr informativ und berührend und Frau Grozdanovica ist eine unglaublich starke und herzliche Person. Gemeinsam mit ihr besuchten wir anschließend das Ghetto- Museum in Terezin.
Den letzten Tag verbrachten wir in Praha/Prag, wo wir eine Führung durch das Jüdische Viertel, die verschiedenen berühmten Synagogen und den berümten Jüdischen Friedhof hatten und dabei auch über das Jüdische Leben in Prag, von Mittelalter bis heute erfuhren.