Feindaufklärung und Reeducation.

Montag, 20. November 2006 @ 22:43

Kritische Theorie gegen Postnazismus und Islamismus

Von Florian Ruttner

In diesem Sammelband werden vor allem Vorträge publiziert, die auf dem Symposium mit dem ähnlichen Titel „Feindaufklärung und Reeducation. Über die Notwendigkeit Kritischer Theorie heute“ im November 2004 gehalten wurden. Der unmittelbare Anlass für dieses Symposium war eine Veranstaltung rechtsradikaler Burschenschafter, die unter dem Titel „Frankfurter Schule – die 9. Todsünde“ ihrem Hass auf gesellschaftskritisches Denken, auf die Psychoanalyse und das Individuum freien Lauf ließen, Themen, die die Kritische Theorie, wie sie vom Frankfurter Institut für Sozialforschung konzipiert wurde, immer zu retten suchte. Dieser Veranstaltung sollte ein Symposium entgegengesetzt werden, das die Aktualität und die Notwendigkeit Kritischer Theorie heute hervorheben und einen Überblick darüber geben sollte, was diese denn eigentlich ausmacht. Daher hat eine Reihe der Beiträge des Bandes einführenden Charakter, die grundlegenden gesellschaftlichen Probleme, mit der sich die Kritischen Theorie auseinandersetzt (an erster Stelle ist hier der Antisemitismus zu nennen), werden dargestellt, und nicht, wie das gerade in akademischen Kreisen gerne geschieht, mit dem Hinweis auf „neuere Diskurse“ die Kritische Theorie ad acta gelegt, als ob mit dieser auch die Probleme verschwunden wären.
Der Titel „Feindaufklärung und Reeducation“ verweist auch darauf, dass im Zentrum weiterer Beiträge sowohl die Versuche des Instituts für Sozialforschung stehen, im Exil in den USA diese bei ihrem Kampf gegen den Nationalsozialismus zu unterstützen als auch die Rolle, die das Institut in den postnazistischen Nachfolgestaaten des Dritten Reiches spielte. So beschäftigen sich mehrere Beiträge mit den Arbeiten von Mitarbeitern des Instituts wie Herbert Marcuse für das OSS (Office for Strategic Services, einem US-Nachrichtendienst), mit der Rezeption der Kritischen Theorie in der Studentenbewegung, und auch mit der Aufnahme Theodor W. Adornos im Österreich der 60er Jahre.
Dabei geht es den AutorInnen keineswegs um ein „Zu-Tode-Feiern“ irgendwelcher Geistesgrößen, wie es bei Jubiläen und Sammelbänden immer droht, wenn die Intentionen der Gefeierten unter einem Schwulst von Lobhudelei begraben werden. Im Gegenteil, es geht um eine Aktualisierung der Intentionen der Kritischen Theorie, um eine Schärfung der Waffe der Kritik. So widmen sich schließlich einige Beiträge der Kritik einer Bewegung, die das Individuum dem Kollektiv unterordnet und in der ein Teils offener, Teils als Antizionismus camouflierter Antisemitismus gang und gäbe ist, dem politischen Islam. In diesem Zusammenhang wird gezeigt, dass die verbreitete Rede von der „Islamophobie“ nichts weiter als die Übernahme eines aus dem Islamismus kommenden Kampfbegriffs ist. Dabei wird auch das Verhältnis traditionslinker Gruppen zu diesem Islamismus kritisiert, die in ihm nicht nur einen möglichen Partner sehen, sondern auch in Sachen Antiamerikanismus und Antizionismus inhaltliche Überschneidungen mit diesem aufweisen und dabei teilweise fast ununterscheidbar werden.
Insgesamt ein Buch, das nicht nur einen Überblick über die Intentionen der Kritischen Theorie insgesamt und deren praktischen Interventionen im Speziellen gibt, sondern dessen Beiträge auch zu aktuellen Themen kontrovers und gut informiert Stellung beziehen.


Stephan Grigat (Hg.): Feindaufklärung und Reeducation. Kritische Theorie gegen Postnazismus und Islamismus, Freiburg (ça ira-Verlag) 2006, 316 Seiten, 14 €, ISBN: 3-924627-93-2

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